| Der Horizont ist keine Grenze Erzählung Peter Meier-Classen Erzählung, 1968, Werner Classen Verlag Zürich 48 Seiten Vergriffen. Verleger für Neuauflage willkommen! |
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Kritik: |
Luzerner Neueste Nachrichten: "Eine Erzählung über die Heimatlosigkeit einer Jugend ohne Bindung an Gesellschaft, an Mittmenschen, die desillusionierend über romantisches, aber zum Scheitern verurteiltes 'Weltmenschentum' berichtet, über Menschen, die nirgends eine Bleibe finden können. All das schreibt Peter Meier-Classen trocken, unterkühlt, distanziert. Seine Diktion ist knapp, der Autor bevorzugt kukrze, fast abgehackte Sätze, er liebt harte Gedankensprünge und phantasievolle Assoziationen." Zeitschrift Tele, 30.10.1968: "Meier-Classen schreibt eine frische, ungekünstelte Prosa. Er beobachtet präzis und vermag seine Wahrnehmungen ebenso präzis zu formulieren. Mitreissend rhythmisiert er Satzbau, gibt dem Text schöpferischen Atem. Zudem ist seine Prosa von jener unverblümten Spontaneität, die man bisher nur aus den Texten der jungen Amerikaner kannte." |
Leseprobe: |
"Ich kann es nicht ändern", sagt Lu und gibt Martin Bülemann die Briefe zurück, die er ihr aus Spanien geschrieben hat. "Mein Liebstes", manchmal "mein Allerliebstes" und ähnliche Dinge sehen darin. Wenig später: Bülemann drückt die Briefe in einen der vollen Kehrichteimer, die auf der Strasse stehen. Man muss sich Bülemann etwa so vorstellen: braune Manchesterhosen, ein graues Hemd und ein Jackett darüber. In der linken inneren Tasche steckt ein Schweizerpass. Roter Überzug und weisses Kreuz. Auf Seite zwei sind die Personalien festgehalten. Das Geburtsdatum: 17. November 1943 vier/drei. Bürger von Zürich. Kanton Zürich. Zivilstand: ledig. Beruf: Schüler durchgestrichen, korrigiert: Student. Staatskanzlei des Kantons Zürich. Grösse: 179 cm. Haare blond und Augen grau. Besondere Kennzeichen: keine. Auf Seite eins, ganz unten, in französischer, deutscher und italienischer Sprache der Vermerk: Der Inhaber dieses Passes ist Schweizerbürger und kann jederzeit in die Schweiz zurückkehren. Seit drei Tagen ist Bülemann aus Spanien zurück. Über ein halbes Jahr hat er im Süden verbracht. Warum er zurückgekehrt ist, weiss er wohl selber nicht. Wegen seiner Freundin Lu, vielleicht. Er hätte sich denken können, dass ein halbes Jahr vieles verändert. Er ist auch nicht zurückgekehrt, um weiter zu studieren, denn sein Studium hat er schon vor über einem Jahr aufgegeben und nie wieder daran gedacht, damit fortzufahren. Wäre er doch an der Costa Brava geblieben, in Andalusien oder in der Sierra Morena! Jetzt arbeitet er nachts in einer Druckerei. Am Morgen schläft er aus, und den Nachmittag verbringt er mit verträumtem Müssiggang. Es irrt, wer glaubt, Bülemann sei mit sich und der Welt zufrieden. Er ist es mitnichten, und wenn man ihn fragt: "Was verlangst du denn mehr von der Welt?" dann sagt er nur: "Es müssen Dinge geschehen." – "Na, welche Dinge?" - "Irgendetwas muss geschehen. Da drin", er schlägt sich mit der Faust auf die Brust, "da steht's geschrieben!" Er konnte wieder n dasselbe Zimmer einziehen, in dem er vor seiner Abreise gewohnt hatte. Die Zimmervermieter haben es gelassen, wie es war. Bücher und Bilder an der Wand. Eine dünne Staubschicht hat sich darauf abgelagert. "Wir wollen ihm sein Zimmer lassen", hatte die Frau gesagt. "Er ist ein armer Junge, weil er keine Mutter mehr hat." – "Dann soll er doch die Bücher zu seinem Vater bringen", hatte der Mann gesagt. "Nichts damit", hatte die Frau geantwortet. "Der Junge soll sein Zimmer behalten!" Als Bülemann dann wegreiste, weinte sie, als wäre er ihr eigener Sohn, und vielleicht weinte sie auch, weil sie selber keine Kinder hatte. Als Bülemann wieder zurückkehrte, hingen die beiden farbigen Postkarten, di er geschickt hatte, in der Küche über dem Kalender. Das kleine Restaurant in der nächsten Strasse. Die Tische mit grob gewobenen Decken, darauf die schweren Aschenbecher, an denen die Streichhölzer gleich aufgesetzt sind. Eine Wirtsstube, in der man sich nach dem zweiten Glas duzt, und wo sich mittags währschaft essen lässt. Er ist zum Greis geworden in der kurzen Zeit, in der Bülemann in Spanien war. Mit tief eingefallenen Augen träumt er um sein Glas herum, die mächtige Hand hält zitternd den Kelch. "Du siehst schlecht aus, Willy." Der hat bald alles hinter sich, denkt Bülemann. Ein Leben, das mit Abenteuer begonnnen, sich dann aber in Erinnerung erschöpft hat. William Schmid, so heisst der Wirt, hatte ihm einmal, als er zuviel getrunken hatte, aus seiner Jugend erzählt. Alte Männer: Ich bin schon an die siebzig, denk dir, das ist ein Stück Jahre wo was drin steckt! Die grossen Pläne, die er hatte: Arzt wollte er werden oder Ingenieur – er konnte sich selber nicht mehr richtig erinnern. Und dann trat er in die Fremdenlegion ein. Een Grund hat er vergessen oder will ihn nicht sagen. Später hat er auch einmal geheiratet. Christine, eine zwanzig Jahre jüngere Frau. "Leg dich ins Bett, Willy", sagt Christine, die an den Tisch getreten ist. "Tag Martin. Du bis schon wieder zurück?"
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